"Steckt in mir vielleicht auch ein Neonazi?"

Ich habe viel nachgedacht über die öffentliche Debatte zum Thema Nazis in Deutschland in den letzten Tagen. Fast jeden Tag nehme ich neue Beiträge auf Facebook zu diesem Thema wahr und meine Empfindungen sind inzwischen zweigeteilt dabei. Von dummen Menschen ist da die Rede, von Menschen die der deutschen Sprache nicht einmal mächtig seien, von Primitiven, fast tierhaften Monstern. Doch muss ich mich auch fragen, weshalb unsere Gesellschaft eben solche Menschen immer wieder hervor bringt und was dies eventuell mit mir selbst zu tun hat. Schließlich bin auch ich ein Teil der Gesellschaft...



Fremdenfeindlichkeit darf nicht sein


Auf der einen Seite verurteile ich Fremdenfeindlichkeit ebenso, wie die vielen aktuellen Postings es derzeit plakativ tun. Auf der anderen Seite habe ich aber auch Anteile von Fremdenfeindlichkeit in mir ausmachen können. Natürlich ist der Deutsche mit Niveau und Intellekt nicht fremdenfeindlich! Natürlich setzt er sich für die Menschenrechte ein, ist hilfsbereit und tugendhaft und widersetzt sich dem Mob auf der Straße. Und natürlich bin ich nach außen auch so ein vorbildlicher Mensch. Aber wie sieht es aus, wenn ich einmal ehrlich zu mir selbst bin und nach innen schaue. Gibt es da zumindest gelegentlich nicht auch Anteile von Fremdenfeindlichkeit, von Ausgrenzung? Oftmals verurteilen wir genau das an anderen Menschen, was wir auch an uns selbst verurteilen. Wir benennen den Feind irgendwo da draußen, damit wir nicht nach innen schauen müssen, damit wir nicht vor uns selbst erschrecken müssen, damit wir nicht erkennen müssen, dass wir eigentlich so gar nicht unserem Idealbild entsprechen.
Ich glaube, dass allein schon aus evolutionsgeschichtlichen Gründen so ein wenig Fremdenfeindlichkeit in einem jeden von uns steckt, wir uns das aber aus vorgenannten Gründen nicht eingestehen wollen. Und so verschwindet dieser Anteil schattenhaft aus unserem Bewusstsein und entzieht sich damit unseres Einflusses und unserer Kontrolle. In kindlicher Manier verfahren wir nach dem Motto, wenn ich mir die Augen zu halte, sieht mich auch keiner.
Ich glaube, aus eben diesem Grunde muss es immer wieder Nazis geben. Sie spiegeln uns unsere Schattenseiten. Und ich denke, sie werden dies solange tun, bis wir uns diesen ungemochten, abgelehnten Anteilen in uns selbst liebevoll zuwenden können.


Nazis müssen bekämpft werden


Bislang reagieren wir energisch in punkto Nazi. Wir verurteilen, grenzen uns ab, distanzieren uns, trennen uns. Aber all dies tun wir im Grunde uns selbst an. Wir lehnen etwas an uns selbst ab. Wir trennen etwas von uns selbst ab und bringen somit Schmerz in die Welt, den Schmerz der Trennung.
Auch wenn es nicht richtig ist und keinesfalls willkommen geheißen werden sollte, wenn von den Neonazis menschenverachtendes Verhalten an den Tag gelegt wird, so denke ich, kann man Feuer nicht mit Feuer, Hass nicht mit Hass und Verachtung nicht mit Verachtung aus der Welt schaffen. Was unterscheidet mich, wenn ich in den Gesang naziveachtender Parolen einstimme, nur um mich als ein besserer Deutschbürger zu fühlen? Am Ende ist es auch menschenverachtende Meinungsbildung, die Meinungsbildung gegen die Neonaziszene.
Ich weiß es keinesfalls besser und fühle mich auch hilflos und beschämt angesichts solch menschenfeindlicher Tendenzen aus der neodeutschen Gesellschaftsecke, allerdings muss ich einräumen, dass ich mich auch dafür schäme, dass Neonazis derzeit so dermaßen öffentlich verunglimpft werden. Ich finde ein solches Verhalten, offen gestanden, auch nicht viel besser. Ich weiß nicht, was angemessen und was richtig ist, aber ich fühle, dass das, was sich derzeit öffentlich abzeichnet, auch nicht richtig sein kann. Wenn diese Menschen auch fehlgeleitet sind, so sind es doch Menschen und verdienen es, dass man sich mit ihnen auseinandersetzt, dass man hinterfragt, integriert, lösungsorientiert ansetzt.


Trennung bietet keine Lösung


Sich zu trennen von inneren Anteilen oder auch im Außen, bedeutet sich selbst seiner Möglichkeiten des Einflusses und der Verantwortung zu berauben. Weder ist so ein Dialog möglich, noch eine Meinungsänderung wahrscheinlich.
Ich glaube, es ist unsere kollektive Angst vor etwas Unbekanntem, Fremdem, das hier ein Gesicht bekommt. Wenn es gelänge, mit diesen inneren Anteilen Frieden zu schließen und sie liebevoll anzunehmen, ihnen einen Raum zu geben, sie zu beruhigen, dann, so glaube ich, verschwinden sie von ganz allein aus unserer Gesellschaft, diese Gespenster aus alten Zeiten. Es bedurfte damals sicher auch mehr als eines Hitlers und Göbbels, den einstigen Ungeist groß werden zu lassen. Es war auch damals ein gesamtgesellschaftlicher Geburtsakt. Heute zu sagen: "Der Hitler war es!", ist genauso billig, wie zu behaupten, die Neonazis hätten nichts mit unserer  modernen Gesellschaft zu tun. Alles da draußen hat auch immer etwas mit mir selbst zu tun. Und wenn ich dies so gar nicht hören will, dann vermute ich, wird wohl besonders viel Wahrheit darin stecken...

Quellen zu "Steckt in mir vielleicht auch ein Neonazi?"
Foto: pixabay.com


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